Synopsis

Das Unvorstellbare passiert: Eine junge Frau aus dem Senegal legt ihr 15 Monate altes Baby ins Meer. Der Säugling stirbt. Ein Gericht kommt zusammen. In der nordfranzösischen Stadt Saint-Omer soll der Frau der Prozess gemacht werden. Mord oder nicht – das ist die Frage. Zunächst. Im Gerichtssaal sitzt auch eine andere junge Frau: Rama. Die Professorin und Schriftstellerin stammt ebenfalls aus dem Senegal. Sie identifiziert sich mit der Angeklagten und will eine Reportage über den Prozess schreiben. Der Prozess beginnt, und nach den ersten Aussagen wird klar, dass nichts klar ist. Wer sitzt hier wirklich auf der Anklagebank? Ein Flüchtlingstrauma? Oder der institutionelle Rassismus einer westeuropäischen Gesellschaft? Alice Diop gilt bereits als eine der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen französischen Kinos. Schon als profilierte Dokumentarfilmerin hat sie sich für die innerfamiliären Strukturen afro-europäischer Familien interessiert, und so mit ihrem Werk „Nous“ 2021 die Berlinale-Reihe Encounters gewonnen. „Saint Omer“, der mittlerweile zum offiziellen Oscarkandidaten Frankreichs ernannt wurde, ist ihr Spielfilmdebüt. Obwohl der Film visuell und strukturell viele Merkmale ihrer dokumentarischen Arbeiten aufweist, ist er doch ein sehr eigenes, eklektisches Werk. Denn die raffinierte Art, mit der Diop das Genre des Gerichtsfilms mit aktuellen, post-migrantischen Diskursen flutet, gehört zu den wirklich beeindruckenden Leistungen des Films. „Saint Omer“ reflektiert unterschiedliche Arten und Bedeutungsebenen von gegenwärtiger Mutterschaft. Welchen Wert hat die Schwangerschaft einer Migrantin? Wer kann es sich leisten, Mutter zu werden, wer nicht? Der Medea-Mythos schleicht sich langsam in diese Bilder, lädt sie mythisch auf und verweist auf ein größeres Weltengericht, das in diesem kleinen Saal im Norden Frankreichs auch tagt. Zweifel, Selbstbetrug und Sühneerfahrungen triggern in „Saint Omer“ das Drama unserer Gegenwart. Der Film schockiert, weil es uns alle angeht. Mutig, unerschrocken, modern – ein Meisterwerk.

Freitag, 02.12.2022 – 19.45 Uhr, Kino in der KulturBrauerei, Saal 3 – präsentiert von Christiane Peitz – in Anwesenheit von Schauspielerin Guslagie Malanda

Samstag, 10.12.2022 – 19.30 Uhr, delphi LUX, Saal 4

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Das Festival zeigt „Saint Omer“ als „Special German Premiere“ in Kooperation mit der Französischen Filmwoche Berlin und dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst.

Credits

+++ Deutschland-Premiere (in Kooperation mit der Französischen Filmwoche / Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V) +++

OT: Saint Omer
Regie: Alice Diop
Drehbuch: Alice Diop, Amrita David, Marie NDiaye
Produktionsland: Frankreich 2022
Produktion: Srab Films (Toufik Ayadi, Christophe Barral), Arte France, Pictanovo Hauts-de-France
Cast: Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville, Aurélia Petit
Länge: 123 min.
Sprache: französische OF / englische UT
Deutscher Verleih: Grandfilm
Festivals: Venedig, Toronto, New York, Busan, Hamptons, London, Viennale, Stockholm, Sevilla u.v.a.
Preise: Venedig Bestes Debüt und Großer Preis der Jury und Edipo Re Preis, Sevilla Bester Film

European Film Awards 2022: Nominierung „European Director“, Alice Diop

Offizieller Auslands-Oscar-Kandidat 2023 von Frankreich.